Biberdamm sorgt für wichtigen Wasserrückhalt und schützt wertvolle Feuchtlebensräume
Der derzeit niedrige Wasserstand im Mühlbach sorgt in Markelfingen für Besorgnis. Insbesondere mögliche Auswirkungen auf die Bachmuschel, Fische und weitere Gewässerlebewesen werden vor Ort kritisch beobachtet. Um die Situation gemeinsam zu bewerten, fand am 29. Juli 2026 am Waldparkplatz Markelfingen ein Ortstermin statt.
Beteiligt waren unter anderem Ortsvorsteher Lorenz Thum, der für die Wehrbedienung zuständige Bernhard Thum, Laura Poschenrieder von der Stadt Radolfzell, Susanne Keil und Bettina Holthoff von der Unteren Naturschutzbehörde Konstanz, Samuel Kugler vom Regierungspräsidium Freiburg, Biberbeauftragter Viktor Gabriel sowie Kai-Steffen Frank, Verena Medinger und Nora Gerner vom BUND (Gebietsbetreuung Mindelsee) und Biberberater Thomas Oldenbürger.
Im Mittelpunkt des Termins stand der Biberdamm am Ausfluss des Markelfinger Mühlbachs aus dem Mindelsee. Dieser hält einen Teil des Wassers im See zurück, wodurch weniger Wasser in den Mühlbach abfließt. Der Biberdamm beeinflusst zwar die Verteilung des vorhandenen Wassers, ist jedoch keinesfalls die Ursache des Niedrigwassers. Hätte der Biber den Mindelsee nicht etwas zurückgestaut, würde auch dieser seit Wochen einen sehr niedrigen Wasserstand haben.
Die vom BUND vorgestellten Pegeldaten am Mindelsee und an der Mühlbachbrücke zeigen, dass niedrige Wasserstände regelmäßig auftreten. Entsprechende Werte sind unter anderem aus den Jahren 1985, 1992, 1998, 2002 bis 2004, 2012 und 2018 dokumentiert. In mehreren dieser Jahre lagen die Pegelstände unter den derzeit gemessenen Werten sowohl im Mühlbach als auch im Mindelsee.
Die wesentlichen Ursachen für das aktuelle Niedrigwasser sind die anhaltend geringen Niederschläge und die hohen Temperaturen. Der Biberdamm macht den Wassermangel sichtbarer, verursacht ihn aber nicht. Mit zunehmenden Niederschlägen wird sich die Situation im weiteren Jahresverlauf wieder verändern.
Die von Teilen der Markelfinger Bevölkerung geäußerten Sorgen hinsichtlich der Bachmuschel und der Fischfauna wurden beim Ortstermin ausdrücklich aufgegriffen und potenzielle Maßnahmen wurden durchgesprochen.
Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass der Wasserrückhalt im Mindelsee für das gesamte Naturschutzgebiet von hoher Bedeutung ist. Von den höheren Wasserständen profitieren die Ufervegetation, die angrenzenden Feuchtwiesen und weitere nasse beziehungsweise feuchte Lebensräume. Dort kommen zahlreiche seltene und spezialisierte Pflanzenarten vor. Hierzu zählen unter anderem das Torf-Glanzkraut und die Sommer-Drehähre, die europaweit geschützt sind, sowie Wasserschlauch, Fleischfarbenes Knabenkraut, Fettkraut, Mehlprimel und Schwalbenwurz-Enzian. „Für das gesamte Naturschutzgebiet sind die Stauaktivitäten des Bibers ein absoluter Segen, weil die Auswirkungen der Trockenperiode immens abgepuffert werden“ sagt Kai-Steffen Frank, Schutzgebietsleiter.
Auch die Tierwelt profitiert in vielfältiger Weise vom Wasserrückhalt. Dies gilt insbesondere für Amphibien, Libellen und weitere wassergebundene Insektenarten sowie für Wasservögel und die angrenzenden Gewässer und Teiche im Umfeld des Mindelsees. Durch die länger anhaltende Bodenfeuchte bleiben zudem blütenreiche Pflanzenbestände über einen längeren Zeitraum erhalten, wodurch sich das Nahrungsangebot für Insekten verbessert. Auch Bodenorganismen profitieren von ausgeglicheneren Feuchteverhältnissen und einer geringeren Austrocknung der oberen Bodenschichten.
Ein Absinken des Seewasserspiegels würde diese empfindlichen Lebensräume während längerer Trockenperioden zusätzlich belasten. Der Wasserrückhalt trägt daher wesentlich zur Stabilisierung der ökologischen Funktionen im Gebiet bei.
Darüber hinaus ergeben sich positive Wirkungen für den Landschaftswasserhaushalt insgesamt. Zurückgehaltenes Wasser wirkt als Puffer gegenüber Dürreperioden und kann sowohl landwirtschaftlich als auch forstwirtschaftlich genutzte Flächen entlasten. Feuchtere Lebensräume und Böden sind gegenüber anhaltender Trockenheit widerstandsfähiger und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Klimaanpassung. Gleichzeitig kann die verzögerte Abgabe des Wassers bei lokalen Starkregenereignissen Abflussspitzen mindern und dadurch den natürlichen Hochwasserrückhalt unterstützen.
Eine Absenkung des Biberdamms am Mindelsee wurde von den Beteiligten einstimmig fachlich abgelehnt. Das oberhalb des Damms zurückgehaltene Wasser würde innerhalb kurzer Zeit abfließen und den Wasserstand im Mühlbach nur vorübergehend erhöhen. Eine dauerhaft höhere Wasserführung würde dadurch nicht erreicht. Zudem ist der Damm nur sehr erschwert zu erreichen. Gleichzeitig würde dem Mindelsee mit seinen besonders wertvollen Feuchtlebensräumen Wasser entzogen.
Hinzu kommt, dass der Biber eine Öffnung voraussichtlich zeitnah wieder verschließen würde. Wiederholte Eingriffe wären mit einem hohen Kontrollaufwand verbunden und müssten zudem mit dem Bibermanagement sowie den zuständigen Behörden abgestimmt werden.
Auch die bestehenden Biberdämme zwischen der Mühlbachbrücke und dem Ort sollen derzeit nicht weiter abgesenkt oder teilweise geöffnet werden. Sie bilden eine Kaskade, durch die das verbleibende Wasser abschnittsweise zurückgehalten wird. Diese wassergefüllten Bereiche sind während der Trockenperiode wichtige Rückzugsräume für Fische, Amphibien, Insekten und weitere wassergebundene Arten.
Als mögliche Verbesserung wurde vorgeschlagen, bestehende Strukturen im Mühlbach so anzupassen, dass weitere kleinere Rückhaltebereiche entstehen. Dadurch könnte das vorhandene Wasser länger im Bachlauf gehalten werden, anstatt schnell abzufließen.
Dabei muss die Durchgängigkeit für Fische gewährleistet bleiben. Gerade bei hohen Wassertemperaturen müssen Fische kühlere Gewässerabschnitte erreichen können. Die konkrete Ausgestaltung möglicher Rückhalteelemente wird daher zunächst fachlich geprüft und mit der Unteren Wasserbehörde abgestimmt.
Bei der anschließenden Begehung des Mühlbachs innerhalb der Ortslage wurden mehrere Wasserentnahmen mittels Schläuchen und Pumpen festgestellt, obwohl diese nach der seit Anfang Juni geltenden Allgemeinverfügung des Landkreises Konstanz untersagt sind und auch bestehende wasserrechtliche Erlaubnisse vorübergehend ausgesetzt werden. Zudem sollte darauf hingewiesen werden, dass auch auf die weiterhin zulässige Entnahme kleiner Mengen mit Gießkannen nach Möglichkeit verzichtet werden soll.
Beim Ortstermin wurde außerdem die Situation der Parkplätze oberhalb der Mühlbachbrücke angesprochen. Beim dortigen Pappelbestand befinden sich Biberröhren, die in der Vergangenheit teilweise eingebrochen sind. Dadurch besteht für Fahrzeuge ein erhöhtes Risiko stecken zu bleiben. Zusätzlich können Äste aus den Pappeln herabfallen: Das Phänomen „Grünastabbruch“ tritt in den letzten Jahren vermehrt auf, insbesondere bei Pappeln. Es ist auch nicht durch Kontrollen zu beheben, da beim Grünastabbruch völlig gesunde Äste unvermittelt vom Baum abgeworfen werden. Somit ist die Verkehrssicherheit der Parkplätze weder von oben noch von unten weiterhin zu gewährleisten.
Als mögliche Lösung sollen die Stellplätze auf der bereits als Parkfläche ausgewiesenen Wiese am bestehenden Parkplatz beim Friedhof nun vermehrt genutzt werden. Die bisherigen Parkflächen könnten anschließend gegen weiteres Befahren gesichert werden. Für die Prüfung und Umsetzung möglicher Maßnahmen ist der Ortsteil Markelfingen zuständig.
Die Wasserstände und die Entwicklung im Mühlbach werden weiter beobachtet. Die Untere Naturschutzbehörde stimmt die vorgeschlagenen Verbesserungsmaßnahmen mit der Unteren Wasserbehörde ab. Parallel prüft die Ortsverwaltung Markelfingen gemeinsam mit der Stadt Radolfzell die künftige Nutzung beziehungsweise Verlegung der Parkflächen. Bei positiver Bescheidung soll der Einbau zeitnah durch den zuständigen Bauhof oder die Technischen Betriebe Radolfzell (TBR), erfolgen.
Ziel ist es, sowohl die berechtigten Belange der Bevölkerung und den Schutz der Bachmuschel und der Fischfauna als auch die hohe naturschutzfachliche Bedeutung des Mindelsees und seiner Feuchtlebensräume angemessen zu berücksichtigen und zu würdigen.