Radolfzell im Nationalsozialismus

Die Zeit des Nationalsozialismus veränderte Radolfzell tiefgreifend. Die ehemals katholisch-konservative Kleinstadt wurde umfassend und ausnahmslos auf Linie der Nationalsozialisten und zu einer „Garnisonsstadt der SS“ gebracht. Nach der Reichstagswahl 1933 übernahm die NSDAP rasch die Kontrolle im Rathaus. Der langjährige Bürgermeister Otto Blesch wurde durch eine gezielt inszenierte Affäre aus dem Amt gedrängt.

Als Nachfolger wurde 1934 der NSDAP-Kreisleiter Eugen Speer von der NSDAP als Bürgermeister eingesetzt. Seine kurze Amtszeit war geprägt von massiver Misswirtschaft. Die Initiative und der Bau der SS-Kaserne gingen mit Unterstützung des durchgängig mit Nationalsozialisten besetzten Gemeinderats auf Eugen Speer zurück. Bereits 1935 wurde Speer von der Parteileitung wegen Amtsmissbrauchs und Unfähigkeit abgesetzt und durch Josef Jöhle im Amt des Bürgermeisters ersetzt. Er schloss den Kasernenbau ab und integrierte Radolfzell fest in das NS-System.

Ab 1937 waren die Stadt und die SS eng miteinander verbunden. In der Pogromnacht 1938 zerstörten Einheiten der Radolfzeller SS Synagogen in der Region, etwa in Konstanz und Gailingen, und misshandelten jüdische Bürgerinnen und Bürger.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Kaserne zu einer Unterführerschule der Waffen-SS. Zur Errichtung eines Schießstandes entstand in Radolfzell 1941 ein Außenkommando des Konzentrationslagers Dachau. Die Häftlinge mussten schwerste Zwangsarbeit leisten. Viele wurden durch das SS-Wachpersonal misshandelt, mehrere Morde sind dokumentiert. Auch in der lokalen Industrie setzte man Hunderte Zwangsarbeiter ein.

Nach dem Tod Jöhles im Jahr 1942 übernahm der von ihm vormals ernannte ehrenamtliche Erste Beigeordnete und Kaufmann August Kratt die Amtsgeschäfte. Seine Rolle und sein Handeln waren weitgehend konform zur NS-Ideologie. Zum 1. April 1945 wurde Rainer Schlegel vom Gauleiter Wagner als Bürgermeister eingesetzt. Schlegel verließ die Stadt aber schon am 21. April, sodass Kratt vermutlich bis zur Befreiung am 25. April 1945 das Bürgermeisteramt erneut übernahm.

Die Nachkriegszeit war lange Jahre von einem „Mantel des Schweigens“ über die NS-Vergangenheit und die Verbrechen der SS-Garnison geprägt. Erst Jahrzehnte später begann eine intensive öffentliche Debatte und historische Aufarbeitung, die insbesondere die Rolle der SS-Kaserne, des KZ-Außenkommandos und die ambivalente Biographie August Kratts, kritisch hinterfragte.  

Literaturhinweise

  • Hausendorf, Sebastian: Radolfzell im „Dritten Reich“ 1933-1939. In: Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (Hrsg.): Radolfzell am Bodensee - Die Chronik, Konstanz 2017, S. 246-267.
  • Hausendorf, Sebastian: »Eine böse Mißwirtschaft«. Radolfzell 1933-1935, Konstanz 2012.
  • Klöckler, Jürgen: SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen. Zur Biographie des ersten Kommandanten der Radolfzeller SS-Kaserne, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Band 129, Ostfildern 2011, S. 287-290.
  • Wolter, Markus: Die SS-Garnison Radolfzell 1937-1945. In: Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (Hrsg.): Radolfzell am Bodensee - Die Chronik, Konstanz 2017, S. 268-303.