»Wer vor der Vergangenheit die Augen schließt, wird blind für die Gegenwart.«

R. v. Weizsäcker

Spätestens seit den frühen 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde auch in Radolfzell in häufig heftigen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit und im Privaten die Frage diskutiert, ob wirklich alles getan worden sei, um die Geschichte der Stadt und ihrer Bürger in den Jahren 1933 bis 1945 zu klären. 
Im Zentrum der Diskussionen standen das Kriegerdenkmal und die Gedenkstätte am Luisenplatz. Auf der einen Seite war es für viele Bürgerinnen und Bürger ein unverzichtbarer Ort der Erinnerung 
an Söhne und Väter, die im Krieg zu Tode gekommen waren. Für sie war die jährliche Feierstunde am Volkstrauertag ein Moment des kollektiven Gedenkens an das Leid und den Tod ihrer Verwandten. 
Auf der anderen Seite nahmen immer wieder Jüngere mit großer Verständnislosigkeit wahr, dass vor einem im Jahre 1938 errichteten Kriegerdenkmal der Toten gedacht wurde, die von einem zutiefst inhumanen Herrschaftssystem unbarmherzig geopfert worden waren.

So standen sich lange Zeit im Extremen zwei scheinbar unversöhnliche Positionen gegenüber. Die einen forderten den Abriss des Denkmals, die anderen Erhalt und Festhalten an Traditionen. In den 1990er Jahren begann eine Phase der gemeinsamen Aufarbeitung. Nicht zuletzt waren es immer wieder Schülergruppen 
des Friedrich- Hecker-Gymnasiums, die Impulse setzten, um die Diskussion nicht im Sande verlaufen zu lassen. Im Gemeinderat wurde ein  Arbeitsausschuss gebildet mit dem Auftrag, Lösungsansätze 
zu finden. Ein erstes Ergebnis dieser gemeinsamen Arbeit war ein Text, der seit 2001 auf der transparenten Stele vor dem Kriegerdenkmal ein graviert ist.

In den folgenden Jahren nahm die Diskussion an Intensität zu. Gefragt wurde, warum die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit von Radolfzell bis dahin noch keine deutlicheren und in der Öffentlichkeit wahrnehmbaren Zeichen gesetzt habe. Es ging um die SS-Kaserne, das Außenkommando des 
KZ Dachau, den SS-Schießstand im Altbohlwald und natürlich auch um die Gedenkstätte auf dem Luisenplatz. Zusammen mit engagierten Bürgern entwickelte nun die gemeinderätliche Arbeitsgruppe ein Konzept, dem der Gemeinderat mit großer Mehrheit zustimmte. So steht heute vor der ehemaligen SS-Kaserne eine weithin sichtbare Stele, die an die Geschichte dieser Kasernenanlage erinnert. Vor der Schießanlage im Wald zwischen Radolfzell und Möggingen befindet sich eine Gedenk- und Informationstafel und die Gedenkstätte 
am Luisenplatz bekam eine neue inhaltliche Dimension. Die Inschrift im Sockel des Kriegerdenkmals wurde abgedeckt, stattdessen steht nun über den Tafeln mit den Namen der Toten: «Radolfzell gedenkt der Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft«. Der Gemeinderat beschloss außerdem, dass seit 2010 die Gedenkfeier am Volkstrauertag von Schülerinnen und Schülern der Radolfzeller Schulen begleitet wird. Ihr Beitrag soll 
das Spektrum des Gedenkens zum Thema »Frieden« erweitern.

Norbert Lumbe