Zwanzig Jahre nach der Einweihung des nationalsozialistischen »Ehrenmals« am Luisenplatz im Jahre 1938 konnte der neu eingeteilte, mit Zierrasenflächen, Blumenanlagen und einer Rotasphaltdecke versehene Platz im Juli 1958 der Öffentlichkeit übergeben werden. Bürgermeister Hermann Albrecht hatte 1956
eine »gründliche Bearbeitung« des Ensembles gefordert. Doch nur eine neue Sockelinschrift trug der gebotenen Rückbesinnung auf die ursprüngliche Ausrichtung der Volkstrauertage vor 1933 Rechnung: »Die Stadt Radolfzell ihren in den Weltkriegen 1914 –1918 und 1939 –1945 gefallenen Söhnen.« Ansonsten blieb die
Krieger-Skulptur unverändert, die Sockelinschrift war bis zur Abdeckung im Jahr 2011 zu lesen.
Künftig sollten an Volkstrauertagen nicht mehr »gefallene Helden« geehrt – so die Formulierung der ersten Sockelinschrift von 1938 – sondern stilleres Trauern um die Toten der beiden Weltkriege einkehren. Das Gedenken richtete sich dabei ausschließlich auf die militärischen und deutschen Kriegsopfer, sofern
sie überdies als »Söhne der Stadt« gelten konnten. Weder die zivilen Opfer des Krieges noch die Verfolgten und Opfer der NS-Gewaltherrschaft wurden bei Volkstrauertagen der ersten Nachkriegsjahrzehnte berücksichtigt. Die Kriterien für die Kriegsopfer-Auswahl waren für die allgemeine Gedenkkultur jener Zeit ebenso typisch wie fragwürdig. In Radolfzell wurden sie förmlich vom Gemeinderat beschlossen. Aufgenommen werden
sollten demnach: - Alle gefallen Wehrmachtssoldaten, die in Radolfzell wohnberechtigt waren, als sie zur Wehrmacht eingezogen wurden. - Alle gefallenen SS-Angehörigen der Garnison Radolfzell, die hier ihren gemeldeten Wohnsitz und Familie hatten. - Vermisste Soldaten, soweit dies die Angehörigen wünschten.
Aufgrund dieser Vorgabe kamen zu den 229 Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die das NS-»Ehrenmal« von 1938 bereits angeführt hatte, die Namen von 561 gefallenen und vermissten Angehörigen der Wehrmacht und Waffen-SS hinzu. Sie wurden 1958 undifferenziert auf vier zusätzlichen Bronzetafeln alphabetisch auf
gelistet, die bis heute an der Mauer hinter dem Kriegerdenkmal angebracht sind. Dort findet man nicht nur den Namen des ersten Kommandanten der SS-Kaserne, Heinrich Koeppen (1890 –1939), sondern weitere 100 Angehörige des III. / SS-VT »Germania«, die zwischen 1937 und 1939 in Radolfzell stationiert waren und die bei ihren späteren Einsätzen an den Kriegsfronten bis 1945 zu Tode kamen. Nicht zuletzt durch die Nennung ihrer Namen auf den Tafeln und deren ausdrückliche Zuordnung zu den »gefallenen Söhnen der Stadt« wurde
Radolfzell und das Kriegerdenkmal bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts zu einem Ort von SS-»Kameradschaftstreffen«, die an Volkstrauertagen und zu anderen Anlässen vom SS-Traditionsverband
HIAG organisiert und von der Stadt unterstützt wurden.
Markus Wolter