"Wann wird man je verstehn?"

Hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nach den unsäglichen Schrecken des Zweiten Weltkriegs und den  gewaltsamen Konflikten unserer Zeit, muss die Frage des »Verstehens« von jeder Generation immer wieder neu gestellt und beantwortet werden, um den Frieden zu bewahren. In dem Friedenslied »Sag mir, wo die Blumen sind …« wird die zeitlose Frage »Wann wird man je verstehn?« aufgeworfen.

Der Luisenplatz lädt als Ort der Erinnerung zur Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden ein, um sich dem »Verstehn« nähern zu können. Er erschließt sich erst im Kontext mit zeitgeschichtlichen Dokumenten und anderen Orten in der Stadt: der Kaserne mit der ehemaligen Außenstelle des KZ Dachau, den Kriegsgräbern auf dem Waldfriedhof oder dem SS-Schießplatz. Die Tafeln mit den Listen von Soldatennamen – Opfern wie Tätern – ist unvollständig. Es fehlen die Namen von zivilen Opfern, von Verfolgten und Vertriebenen.

Im Wilhelminischen Zeitalter schuf man in Radolfzell ein erstes Kriegerdenkmal. 
In den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zogen 31 Radolfzeller, von denen bis auf Eugen Kretz alle wieder
kehrten. Auf Initiative des Militärvereins errichtete man ein Denkmal auf dem Marktplatz, das am 11. Juni 1899 anlässlich eines Hegau-Kriegerfestes enthüllt wurde. Die Inschrift auf dem Stein lautete: »Den Verstorbenen zum Andenken, den Lebenden zur Erinnerung, den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung«. Der Entwurf für die Hohl-Bronzefigur und die Anlage stammt von dem Wollmatinger Künstler Emil 
Stadelhofer. Sie zeigte einen sterbenden Soldaten in Lebensgröße mit einer Fahne vor einem Obelisken. Dieses Motiv missfiel den Nationalsozialisten, weshalb man das Denkmal 1939 in den Stadtgarten versetzte. Die Figur wurde 1943 eingeschmolzen, das Denkmal 1962 ganz  beseitigt. Die ehemaligen 
alten  Tafeln von 1899 mit den Namen der 31 Kriegsteilnehmer – unterteilt in Kombattanden ( Angehörige der kämpfenden Truppe) und Nichtkombattanten – wurden 1969 hier seitlich angebracht.

Radolfzell hatte zu Beginn des Ersten Weltkrieges rund 7100 Einwohner. Von den über 1200 Soldaten fielen 215 und 16 blieben vermisst. In die zur Kaserne umgebauten Viehmarkthallen zog das 114. Infanterie Ersatz-Regiment. Radolfzell wurde zur Garnisonsstadt. Am 3. August 1914 erfolgte die Mobilmachung und bereits am 1. September traf der erste Zug mit rund 100 Verwundeten in Radolfzell ein, die auf die drei Lazarette verteilt wurden. »Die Gestalten, wie sie vom Schlachtfeld gekommen … da kriegten wir einmal ein Stück Krieg 
aus der Nähe zu sehen und da ward uns klar, schauerlich klar, womit all das Große, Glänzende erkauft war, das der tägliche Heeresbericht meldete (Dr. Otto Mader).« Im Februar 1915 wurden auch 79 verwundete Kriegsgefangene in den Lazaretten gepflegt und den am 31. Mai ersten verstorbenen französischen Soldat 
Fourtoul begrub man mit militärischen Ehren, vier weitere folgten. Darüber hinaus gab es ein Lager für etwa 50 russische Kriegsgefangene, die für die Bahn, die Stadt und Allweiler arbeiteten und von denen mindestens zwei hier starben.

Christoph Stadler